Praxeologie – Sinnhafte Antwort des Subjekts auf die Gegebenheit des Lebens

Der handelnde Mensch
(Nationalökonomie; S.21)

Handeln ist bewusstes Verhalten. Wir können auch sagen: Handeln ist Wollen, das sich in Tat und Wirken umsetzt und damit verwirklicht, ist ziel- und zweckbewusstes Sichbenehmen, ist sinnhafte Antwort des Subjekts – der menschlichen Persönlichkeit – auf die Gegebenheit der Welt und des Lebens.

Bewusstes Verhalten hebt sich scharf ab vom unbewussten Verhalten, von den Reflexvorgängen und der Reaktion der Zellen auf Reize. Man ist geneigt anzunehmen, dass die Grenze zwischen bewusstem Verhalten der menschlichen Persönlichkeit und unbewusstem Reagieren eines im Menschen wirkenden Es fließend sei. Das ist nur soweit richtig, als es mitunter nicht leicht sein mag, festzustellen, ob ein konkretes Verhalten als bewusstes oder als unbewusstes anzusprechen ist. Doch die Scheidung von Bewusst und Unbewusst ist nichtsdestoweniger scharf und kann klar vollzogen werden.

Das unbewusste Verhalten der Zellen des Körpers und der Reflexzentren ist für das bewusste Verhalten gerade so ein Datum wie irgendeine andere Tatsache der Außenwelt.

Wie der handelnde Mensch mit dem Wetter rechnen muss, so muss er auch mit dem rechnen, was in seinem Leib vor sich geht. Auch das Leibliche des eigenen Leibs ist ein Datum, das der Handelnde im Handeln hinnehmen muss. Es gibt freilich einen Spielraum, innerhalb dessen das bewusste Verhalten das Leibliche auszuschalten vermag. Man kann des Leiblichen bis zu einem gewissen Grade Herr werden, man kann z.B. Krankheit und Krankheitswirkungen überwinden oder Unzulänglichkeit der leiblichen Ausstattung wettmachen oder Reflexbewegungen unterdrücken. Soweit man das kann, reicht dann aber auch das Feld des bewussten Verhaltens. Wenn das bewusste Verhalten das unbewusste Reagieren der Zellen und Reflexzentren, das es ausschalten könnte, nicht ausschaltet, liegt für unsere Betrachtungsweise bewusstes Verhalten vor.

Unsere Betrachtungen sind allein auf das Handeln gerichtet und nicht auf die seelischen Vorgänge, die zum Handeln führen. Das eben trennt die allgemeine Lehre vom Handeln, die Praxeologie, von der Psychologie.

Gegenstand der Psychologie sind die Vorgänge in unserem Innern, die zu einem bestimmten Handeln führen oder führen können; Gegenstand unserer Wissenschaft ist das Handeln selbst.

Handeln ist nicht etwa einfaches Vorziehen und Bevorzugen. Vorziehen und Bevorzugen übt der Mensch auch dort, wo zwei Dinge, die er seinem Einfluss entzogen glaubt, unentrinnbar sind. So kann man Sonnenschein dem Regen vorziehen und hoffen, dass die Sonne erscheinen möge. Wer nur wünscht und hofft, greift in das Getriebe der Welt und in die Gestaltung seines Lebens nicht selbsttätig ein. Anders der Handelnde. Er wählt und entscheidet. Von zwei unvereinbaren Dingen nimmt er das eine und lässt sich das andere entgehen.

Jedes Handeln ist daher zugleich ein Nehmen und ein Verzichten.

Wo die Bedingungen des Handelns gegeben sind, handelt der Mensch immer, ob er nun eingreift oder untätig bleibt. Dem Handeln kann der Mensch nie und nirgends entrinnen; Handeln liegt in der Natur des Menschen und seiner Welt, und Handeln müssen ist dem Menschen durch die Bedingungen, unter denen er lebt, vorgeschrieben.

Wer ein Handeln als nicht rational oder als irrational bezeichnet, wertet und richtet es.
«Irrational» soll dann soviel bedeuten als: es hätte anders gehandelt werden sollen, ich oder ein konstruierter Idealmensch hätte an der Stelle des Handelnden anders gehandelt, ich würde – wenn ich nochmals vor der Entscheidung stünde – anders handeln. Schon durch diese Beurteilung des Handelns wird zugegeben, dass es der Vernunft unterworfen ist. Wäre es nicht der Vernunft unterworfen, dann wäre es auch nicht der Kritik durch die Vernunft ausgesetzt.

Die Wissenschaft vom Handeln hat das Handeln zu betrachten und zu erforschen, nicht aber zu werten und zu richten. Sie kennt nicht gutes und schlechtes, richtiges und unrichtiges, vernünftiges und unvernünftiges Handeln; für sie ist alles Handeln in gleicher Weise Gegenstand der Forschung. Sie hat keine Wertmaßstäbe, um das Handeln an ihnen zu messen. Sie erforscht das Sein des Handelns und fragt nicht danach, wie gehandelt werden soll.

Die Vernunft wirkt im menschlichen Denken und im menschlichen Handeln. Vom Standpunkt der Wissenschaft vom menschlichen Handeln betrachtet, ist das Denken Vorbedenken künftigen eigenen oder fremden Handelns und Nachbedenken vergangenen (eigenen oder fremden) Handelns. Das Denken arbeitet dem Handeln vor. Der Denkakt ist stets zielgerichtet (intentional); er ist gewissermaßen ein inneres Handeln, dessen Ziel Erkenntnis ist.

Alles Handeln ist zielgerichtet, sucht Ziele zu erreichen und Zwecke zu verwirklichen. Die Bewusstheit des Handelns ist Ziel- und Zweckbewusstheit. Doch die Ziele und Zwecke selbst liegen jenseits des Handelns und der Vernunft.

Wenn wir das Handeln betrachten, können wir es nur im Hinblick auf die Ziele und Zwecke tun, die ihm vom handelnden Menschen gesetzt werden. Über die Ziele und Zwecke selbst können wir keine weitere Aussage machen als die, dass sie handelnden Menschen als Ziele und Zwecke erscheinen; sie stehen außerhalb unserer Erörterungen. Die Wissenschaft ist nicht berufen, die Ziele und Zwecke zu beurteilen und in eine Rangordnung zu bringen.

Sie nimmt die Wertsetzungen der handelnden Menschen als gegeben an, sie bewahrt ihnen gegenüber vollständige Neutralität und fällt selbst keine Werturteile über die von den Menschen angestrebten Ziele und Zwecke. Wenn der Eudämonismus von Glückseligkeit, wenn der Utilitarismus von Nutzen, wenn die Nationalökonomie von Nützlichkeit spricht, dann muss man Glückseligkeit, Nutzen, Nützlichkeit subjektivistisch verstehen als das, was der handelnde Mensch sucht, weil er es für anstrebenswert erachtet.

Wir betrachten nicht die Wege und Mittel, die zu bestimmten Zielen führen, wie es die Technologien tun, sondern, losgelöst von jedem konkreten Inhalt, das Verhalten des Menschen, der irgendwelche Wege geht und irgendwelche Mittel anwendet, als Wegewandeln und Mittelanwenden an sich.

Nicht aus der Erfahrung können wir solche Erkenntnis schöpfen. So wenig Logik und Mathematik aus der Erfahrung stammen, so wenig stammt das, was wir über das Handeln in seiner reinen Form wissen, aus der Erfahrung. Es ist unsere menschliche Eigenschaft, dass wir denkende und handelnde Wesen sind, und als Menschen wissen wir, was Denken und Handeln bedeuten. Wären wir nicht selbst Denkende und Handelnde, könnte uns keinerlei Erfahrung sagen, was Denken und Handeln sei.

Wir besinnen uns darauf, was wir tun, wenn wir handeln, wir denken das, was im Begriffe des Handelns steckt, bis ans Ende und entfalten aus ihm alles, was er enthält. Den Begriff des Handelns aber finden wir in uns selbst; das Wesen des Handelns erkennen wir als handelnde Menschen aus einem Wissen, das uns vor aller Erfahrung gegeben ist. Hätten wir dieses Wissen nicht schon in uns, könnten wir es durch keine Erklärung, Schulung, Belehrung und gewiss auch durch keine Beobachtung und Erfahrung gewinnen.

Quellen:
Ludwig von Mises – Nationalökonomie (1940)
Die “Nationalökonomie” ist das Hauptwerk von Ludwig von Mises, in welchem er ausgehend von der Behandlung der philosophischen und methodologischen Grundlagen der Volkswirtschaftslehre die verschiedenen Aspekte der Marktwirtschaft und, darauf aufbauend, die Folgen interventionistischer Eingriffe bis hin zum totalen Sozialismus erörtert.

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