Praxeologie – Der Mensch im Mittelpunkt

Die Praxeologie ist die „Lehre und Wissenschaft vom menschlichen Handeln“.
Für viele Menschen ist Praxeologie im besten Falle ein Fremdwort, in der Regel haben die Menschen den Begriff aber noch nie gehört.

Warum ist die Praxeologie derart unbekannt und warum wird sie im speziellen nur von den libertären Menschen immer wieder ins Zentrum gerückt?

Die Anerkennung der Praxeologie ist gleichzeitig die Erkenntnis, dass Regierungen und Politik nur dann agieren können, wenn die Menschen nicht als Individuen sondern als Kollektiv wahrgenommen werden. Jede Macht beruht auf der Macht von Ideen.

Solange die Idee in den Köpfen der Menschen festsitzt, dass das Kollektiv über dem Individuum steht, funktioniert die Bevormundung der Gesellschaft; und im Endeffekt des einzelnen Bürgers.

Die Praxeologie entlarvt die Idee des Kollektivs als die einzige Idee welche den Regierungen und Politiker das nötige Werkzeug in die Hand gibt um überhaupt zu funktionieren bzw. sich zu legitimieren.

Das fehlende Wissen über die Praxeologie schafft erst die Möglichkeit ein auf Gewalt basierendes Konstrukt der Privilegien und Bevormundungen, welches per Gesetze und Zwang die Menschen als Kollektiv behandelt und lenkt.

Es ist ebenfalls die Erkenntnis, dass der einzelne Mensch naturgemäss sozial und kooperativ handelt.

Diese Tatsache wird in der Praxeologie begründet mit dem ursächlichsten Grund des menschlichen Handels:

  • die Änderung eines weniger befriedigenden Zustandes in einen besser befriedigenden Zustand.

Dies ist ausschliesslich möglich durch die Kooperation mit den Mitmenschen.

Nicht der Kapitalismus oder Regierungen haben die Arbeitsteilung „erfunden“; es sind die Individuen welche aus praxeologischen Gründen die Kooperation der Isolation vorgezogen haben.

Praxeologie ist Respekt vor dem einzelnen Menschen.
Sie würdigt den Subjektivismus der Individuen durch die Objektivität der Wissenschaft des menschlichen Handelns.

Ludwig von Mises hat es folgendermassen gesagt:

  • In diesem Subjektivismus unserer Lehre (der Praxeologie) liegt auch zugleich ihre Objektivität.
    Weil sie subjektivistisch gerichtet ist, weil ihr jedes Werturteil eines handelnden Menschen als gegeben und keiner weiteren Kritik unterworfen erscheint, ist sie über alle Parteiungen und Parteikämpfe erhaben, ist sie selbst ohne Weltanschauung und ohne Moral, ist sie objektiv, wertfrei, voraussetzungslos, ist sie allgemeingültig und schlechthin «menschlich».

Die logische Konsequenz der Praxeologie ist Libertarismus.

Ich möchte nun hin und wieder relevante Auszüge aus dem Werk „Nationalökonomie – Theorie des Handelns und Wirtschaften“ von Ludwig von Mises zitieren, um unverfälscht die Praxeologie bekannter zu machen.

Der leibhaftige Mensch als Datum
(Nationalökonomie; S.592)

Das wichtigste Datum sind die Menschen mit allen ihren menschlichen Eigenschaften, mit ihrem Wollen und Wünschen, mit ihren Fähigkeiten, mit ihren seelischen und körperlichen Gaben, mit ihrem Irren und mit ihren Schwächen.
Die moderne Theorie kennt keine Idealmenschen und keine vollkommene Wesen, sie kennt weder einen homo oeconomicus, noch einen homme moyen, sondern nur Menschen, die menschlich handeln. Der Mensch ist in jedem Augenblick seines Daseins und Handelns ein Produkt der Vergangenheit.
Sein Wesen ist durch all das bestimmt, was er von seinen Vorfahren ererbt hat und was die Umwelt aus diesem Erbgut gemacht hat. Sein Körper ist der Niederschlag einer in unausdenkbare Fernen zurückreichenden Entwicklung; die Ideen, die ihn erfüllen, sind von der Menschheit in Jahrtausenden gebildet worden. Wie Art und Dosierung dieser Einflüsse bei jedem Einzelnen verschieden ist, so ist auch ihre Wirkung.
Aus der Schmiede der Natur und der Geschichte gehen nicht Stücke hervor, die einander gleichen wie die Erzeugnisse einer fabriksmäßigen Serienproduktion, sondern einzigartige Individuen.
Das muss gerade die Praxeologie nachdrücklich betonen, weil sie ihr Augenmerk allein auf das richtet, was am Handeln allgemeinmenschlich und notwendig ist, also auf das, was nicht individuell und nicht persönlich ist.

Die Ziele, die der Einzelne wählt, und die Mittel, deren er sich zur Erreichung dieser Ziele bedient, sind durch seine Individualität bestimmt. Weil alle Menschen stammverwandt sind, und weil ähnliche geschichtliche und umweltliche Einflüsse auf sie einwirken, sind sie auch in ihrem Wählen und Streben verwandt. Weil ihnen viele Ziele gemeinsam sind und weil ihre Anschauungen über die Wege, die zu den Zielen führen, sich zum Teil decken, ist Arbeitsteilung möglich.
Doch diese Gemeinsamkeit des Wollens und Denkens hat Grenzen.
Nie darf man vergessen, dass Zielsetzung und Wegewahl subjektiv sind.
Die klassische Nationalökonomie hat es in ihren Theorien vergessen.
Die Sozialisten, Rationalisierungsfanatiker und Technokraten vergessen es Tag für Tag in ihren Reformplänen.

Man kann den Menschen, wenn man sich auf einen übermenschlichen Standpunkt irgendeiner Art stellt, auch als Objekt einer Ernährungs- und Züchtungspolitik betrachten. Man kann Projekte entwerfen, wie man ihn paaren und füttern soll, um bestimmtgeartete Ergebnisse zu erzielen.
Man kann noch weiter gehen und versuchen, seinen Geist mit bestimmten Anschauungen zu füllen und alle «Irrlehren» von ihm fernzuhalten.
Man kann versuchen, Vorsehung zu spielen: die Menschen zu entmenschen, sie in Wesen zu verwandeln, die nur so denken und fühlen, wie ihnen angezüchtet wurde, sie zu Geschöpfen zu machen, die nur das ausführen, was ihnen im Plane zugewiesen wurde. Nie zuvor hat es eine Zeit gegeben, die solchen Versuchen günstiger war als unsere. Ringsum sehen wir Bestrebungen im Gange, die Menschen in Ameisen zu verwandeln und die menschliche Gesellschaft nach dem Vorbild des Ameisenstaates umzugestalten.

Es gab drei Sphären der Selbstbestimmung:

  • die Erzeugung für den eigenen Bedarf, die damals einen großen, ja den größten Teil der Gesamterzeugung einnahm
  • dann die Erzeugung für den freilich vielfach beengten Markt
  • und schließlich die Durchführung der reglementierten Arbeit im eigenen Betrieb

Im totalen Staat der vollkommenen Arbeitsteilung gibt es für den Einzelnen keine Sphäre persönlichen Handelns, die Eugenik fesselt sein Geschlechtsleben und die Unterdrückung der Gewissen schließt seinen Kerker vollends. Es ist sehr charakteristisch, dass man heute bereits die Gestaltung der Freizeit des Einzelnen als eine Aufgabe der Staatsführung ansieht und gar nicht bemerkt, wie widerspruchsvoll es ist, von einer obrigkeitlich geregelten «Freizeit» zu sprechen.

Im Idealbild des totalen Staates bleibt kein Raum, innerhalb dessen der Einzelne zu wählen hat. Das Wählen ist Sache des Einen, der der Herr aller ist.
Es ist nicht Aufgabe der Praxeologie, zu prüfen, ob die Voraussetzungen für das Gelingen dieser Versuche gegeben sind oder nicht. Sie kann sich nur mit der Frage befassen, ob und unter welchen Bedingungen eine menschliche Gesellschaft auf anderen Grundlagen als auf denen des Sondereigentums an den Produktionsmitteln errichtet werden kann.

Wer den Menschen mit dem liebevollen Verstehen betrachtet, dass das Um und Auf der Weisheit bildet, das den Seelenarzt zum Heilen befähigt und dem Geschichtsschreiber und dem Dichter die Gabe verleiht, das Menschliche darzustellen, wird erkennen, dass die Menschen irren und nicht immer die Vernunft zweckmäßig zu brauchen wissen. Es ist leicht nachzuweisen, dass die Gedankengänge, die die Verwendung der Mittel leiten, oft fehlgehen und dass in der Beurteilung der Ziele die Kosten nicht immer richtig veranschlagt werden. Man schlägt unzweckmäßige Verfahren ein, die nie zum angestrebten Ziel zu führen vermögen. Man ist sich nicht klar darüber, dass Ziele, die man anstrebt, Opfer erfordern, die man für sie nicht zu bringen geneigt ist. Wer diesen unbefriedigenden Zustand zu beseitigen wünscht, sei es, weil er ihn als seiner eigenen Wohlfahrt schädlich ansieht, sei es aus reiner Menschenliebe, muss trachten, seine Mitmenschen aufzuklären. Das ist ein schwieriges Unterfangen, und es verlangt einen großen Aufwand von Überredungskunst und Geduld. Es verlangt vor allem Eingehen auf die Denkungsart derer, die belehrt werden sollen.

Wem die Gabe mit seinen Mitmenschen friedlich auszukommen, mangelt, zieht einen anderen Weg vor. Er will dem, das er für richtig hält, nicht durch Überredung zur Herrschaft verhelfen, sondern durch Zwang. Er will die Mitmenschen wider ihren Willen durch Anwendung von Gewalt glücklich machen.

Der Widerspruch, der in diesem Bestreben liegt, ist offenkundig.

Wenn Einer nicht das erreicht, was er für anstrebenswert erachtet, wenn ihm ein Ersatz geboten wird, den er minder hoch bewertet als das, was ihm entgangen ist, dann ist er nicht besser befriedigt worden, sondern schlechter.
Der Ersatz mag vom Standpunkt einer überirdischen Betrachtung der Dinge als wertvoller erscheinen; wenn er nicht auch vom Standpunkte derer, die befriedigt werden wollen, wertvoller erscheint, ist die Versorgung nicht verbessert, sondern verschlechtert worden.
Uns Menschen steht kein objektiver Maßstab zur Beurteilung der Wertsetzungen anderer Menschen zur Verfügung.
Die Wissenschaft mag die Folgen des Genusses von Alkohol, Nikotin und anderen Giften feststellen; sie mag aufklären und belehren. Wenn aber jemand bereit ist, die schädlichen Folgen auf sich zu nehmen, weil er den Genuss so hoch schätzt, dass er ihm diese Schädigungen aufzuwiegen scheint, dann kann ihm die Wissenschaft nichts mehr sagen. Ich mag es bedauern, dass die Mitmenschen anders handeln, als ich es für vernünftig halte. Doch wenn ich die Mittel hätte, sie wider ihren Willen zu dem zu zwingen, was ich als ihnen zuträglicher erachte, würde ich ihre Versorgung nicht verbessern und sie nicht glücklicher machen.

Man darf nie vergessen, dass Sinn und Zweck alles Handelns die Abstellung von Unbefriedigtsein ist und dass Unbefriedigtsein subjektiv ist.
Denn die Kultur ist gerade dadurch gekennzeichnet, dass der Mensch sich über den rein animalischen Zustand bloßer Suche nach Nahrung und Wärme emporgehoben hat. Je weiter die Kultur fortschreitet, desto mehr setzt sich der Mensch Ziele, für die objektive Maßstäbe nicht gefunden werden können. Solange es nicht gelingt, die Menschen vollkommen ihres Menschentums zu entäußern, wird dieser Subjektivismus nicht verschwinden können.
Man mag ihn Laune, Unvernunft oder Starrsinn nennen; man muss aber mit ihm rechnen, wenn man mit Menschen zu tun hat.

In der Marktwirtschaft ist diesem Subjektivismus des Verbrauchers Spielraum gegeben.
Der Verbraucher entscheidet durch sein Verhalten auf dem Markte über die Produktion. Er wählt die Wege, die die Produktion zu gehen hat. Er ordnet an, der Unternehmer führt seine Befehle aus. Wenn man die Herrschaft des Verbrauchers durch die der Erleuchteten ersetzen wollte, die sich einbilden, besser zu wissen, was ihren Mitmenschen frommt, macht man die Menschen nicht zufriedener. Die Ironie, mit der man solche Vorschläge als Weltbeglückungspläne bezeichnet, ist berechtigt. Man kann niemand zu seinem Glücke zwingen. Die Menschen wollen nach ihrer Façon glücklich werden und nicht auf die Weise, die dem notwendigerweise subjektiv gefärbten Ideal eines Menschen entspricht, der sich besser und weiser dünkt als seine Mitmenschen.
Für die Praxeologie sind menschliches Irren und menschlicher Irrtum Datum.
Die Ergebnisse der Praxeologie sind unabhängig davon, ob das, was das Handeln ausgelöst hat, richtige oder unrichtige Beurteilung der Lage der Dinge war, und ob die Anschauungen über Ursache und Wirkung, an denen das Handeln sich orientiert hat, zutreffend waren oder nicht. Im Handeln entscheidet der Mensch, so wie er ist und irrt, und nicht eine Wahrheit, die gilt, auch wenn sie nicht erkannt wurde.
Kein Mensch vermag die Wahrheit ganz zu erkennen, und kein Mensch weiß, was ihm und anderen nützlich und zuträglich ist.
Im Handeln ist jedes Ziel subjektiv.
Das Handeln, das die Marktpreise bildet, ist nicht weniger dem Irrtum unterworfen als jedes andere Handeln. Doch die irrige Meinung, die zum Handeln führt und das Handeln orientiert, entscheidet, und die richtige Meinung, die kein Handeln bestimmt, bleibt wirkungslos.
Die Nationalökonomie aber hat es mit den Preisen zu tun, die auf dem Markte wirklich gezahlt wurden, nicht mit dem, was hätte sein sollen. Sie ist die Lehre vom Handeln, nicht aber eine Lehre vom richtigen Handeln.

Gegen den Irrtum gibt es nur ein Mittel:
Erforschung des richtigen Sachverhalts und Aufklärung der Irrenden.
Keine Umgestaltung der gesellschaftlichen Ordnung und keine Organisation menschlicher Arbeit könnte den Irrtum aus dem Handeln ausschalten.

Quellen:
Ludwig von Mises – Nationalökonomie (1940)
Die “Nationalökonomie” ist das Hauptwerk von Ludwig von Mises, in welchem er ausgehend von der Behandlung der philosophischen und methodologischen Grundlagen der Volkswirtschaftslehre die verschiedenen Aspekte der Marktwirtschaft und, darauf aufbauend, die Folgen interventionistischer Eingriffe bis hin zum totalen Sozialismus erörtert.

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Ein Kommentar

  1. Dr.med.Alexander von Wyttenbach

    Die Betrachtungen des Buches „Die Vernunft als Untertan des Unbewussten“ von Alexander von Wyttenbach können als komplementär zu den Gedanken der Praxeologie verstanden werden.

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