Eingriffe zu Lasten der Menschen – Arbeitslosigkeit und Preise

Es geht nicht um „fehlendes soziales Gewissen“ oder der „Akzeptanz der Tatsache“, dass Menschen unter unwürdigen und schlechtbezahlten Arbeitsbedingungen arbeiten. Dies gilt bei der Ablehnung des Mindestlohns genau so, wie bei allen anderen staatlichen Eingriffen.

Es ist vielmehr ein Erkennen der Ursache und eine längerfristige Betrachtung der Wirkung; nämlich dass Staatsinterventionen:

  • auf kurzer Dauer und zu Gunsten einzelner Gruppen Erfolge erzielen können, die der Absicht der eingreifenden Obrigkeit entsprechen, die sich aber längerfristig als zweckwidrig erweisen und im besten Falle einer Minderheit Vorteile auf Kosten der Mehrheit bringen können
    (Ludwig v. Mises; Nationalökonomie)

Auch wenn die politischen Parteien und Gewerkschaften die Eingriffe in die Marktwirtschaft als „soziale Fortschritte“ betrachten; im Endeffekt werden zusätzliche bzw. andere Probleme geschaffen, welche es vor dem Eingriff nicht gegeben hat; immer zu Lasten der Menschen und der arbeitsteiligen Gesellschaft.

Zuerst folgt ein Auszug aus dem Werk „Nationalökonomie“ von Ludwig von Mises zum Thema Arbeitslosigkeit.
Anschliessend ein aufschlussreicher Text aus seinem Buch „Vom Wert der besseren Ideen“ welcher anhand eines Beispiels die Kettenreaktion aufzeigt, welche durch staatliche Eingriffe in den Markt ausgelöst wird.

Arbeitslosigkeit, das Schicksalproblem der Zeit

Die Dauer- und Massenarbeitslosigkeit ist zum Schicksalsproblem der modernen Kultur geworden.

Dass Millionen dauernd aus dem Erzeugungsprozess ausgeschaltet bleiben sollen, ist ein Zustand, der nicht lange ertragen werden kann. Der einzelne Arbeitslose will arbeiten. Er will erwerben, weil er die Vorteile, die der Lohn ihm bringt, höher schätzt als den für den Mittellosen recht problematischen Wert dauernder Muße. Dass er keine Arbeit finden kann, treibt ihn zur Verzweiflung.

Die öffentliche Meinung sieht in der Arbeitslosigkeit den Beweis für die Unzulänglichkeit der Marktwirtschaft. Der Kapitalismus, meint man, habe sein Unvermögen gezeigt, die Probleme der gesellschaftlichen Kooperation zu lösen. Die Arbeitslosigkeit erscheint als die unvermeidliche Folge der kapitalistischen Wirtschaft. Dass die Ursachen dieser Dauer- und Massenarbeitslosigkeit in der Lohnpolitik der Gewerkschaften und in der Unterstützung, die diese Lohnpolitik durch die Regierungen findet, zu suchen sind, bleibt der öffentlichen Meinung unbekannt. Die Stimme der Nationalökonomen bzw. der „österreichischen Schule der Nationalökonomie dringt nicht ins Publikum.

Die Laien haben immer geglaubt, dass die Fortschritte der Technik Leute ums Brot bringen. Darum haben die alten Zünfte und Innungen jeden Neuerer zu Tode gehetzt, darum haben die Maschinenstürmer Maschinen zerstört.

Denn in Büchern und Artikeln wird gesagt, dass die technologische Arbeitslosigkeit, im kapitalistischen System zumindest, unvermeidbar sei. Als Mittel zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit empfiehlt man Verkürzung der Arbeitszeit; da die Wochenlöhne dabei entweder überhaupt nicht oder nicht in entsprechendem Masse gesenkt oder selbst erhöht werden sollen, bedeutet das in der Regel weitere Lohnerhöhung und damit Mehrung der Arbeitslosigkeit.

Man empfiehlt öffentliche Arbeiten als Weg zur Arbeitsbeschaffung. Wenn jedoch die dafür benötigten Geldmittel durch Anleihen oder durch Steuern beschafft werden, dann wird an der Lage nichts geändert. Die für die Notstandsarbeiten verwendeten Beträge werden anderer Produktion entzogen, dem Zuwachs an Arbeitsgelegenheit entspricht eine Abnahme der Arbeitsgelegenheit in anderen Zweigen des Wirtschaftsgefüges.

Man greift dann schließlich zur Kreditausweitung und Inflation. Doch mit dem Steigen der Preise und dem Sinken der Reallöhne setzt die auf Lohnsteigerung gerichtete Politik der Gewerkschaften wieder stärker ein. Immerhin ist festzustellen, dass es durch die Abwertungen und durch verwandte inflationistische Maßnahmen in manchen Fällen gelungen ist, die Folgen der gewerkschaftlichen Lohnpolitik zu mildern und dem Fortschreiten der Arbeitslosigkeit vorübergehend Einhalt zu tun.

Gegenüber der Ohnmacht, mit der man in den Staaten, die man als demokratisch zu bezeichnen pflegt, dem Problem der Arbeitslosigkeit gegenübersteht, erscheint die Politik, die die Diktaturstaaten einschlagen, als außerordentlich erfolgreich. Die Arbeitslosigkeit schwindet, wenn man durch Einreihung der Arbeitslosen in militärische Verbände, in Arbeitslager und in Arbeitsgruppen die Zwangsarbeit einführt. Die Zwangsarbeiter müssen sich mit Löhnen begnügen, die weit unter denen der übrigen Arbeiter liegen. Allmählich sucht man dann einen Ausgleich der Lohnsätze zu erzielen, indem man den Lohn der Zwangsarbeiter erhöht, den der übrigen Arbeiter herabsetzt. Die politischen Siege der totalitären Staaten haben ihre vorzüglichste Quelle in den Erfolgen, die sie in der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit erzielen konnten.

Wenn es nicht gelingt, die Macht, die die gewerkschaftliche Lohntheorie heute genießt, zu brechen und durch die Wiederherstellung der Freiheit der Lohnbildung die Arbeitslosigkeit zu beseitigen, dann werden auch die westeuropäischen Industriestaaten und die Vereinigten Staaten von Amerika bald die politische und wirtschaftspolitische Verfassung radikal ändern. Wenn man den lohnpolitischen Interventionismus nicht aufgibt, muss man das Experiment des totalen Staates auf sich nehmen.

Der Interventionismus ist kein System gesellschaftlicher Kooperation, sondern eine Aneinanderreihung einzelner Maßnahmen, die den Ablauf der marktwirtschaftlichen Erscheinungen beeinflussen sollen. Er ist eine Häufung von Aushilfen, die auf kurzer Dauer und zu Gunsten einzelner Gruppen Erfolge erzielen können, die der Absicht der eingreifenden Obrigkeit entsprechen, die sich aber längerfristig als zweckwidrig erweisen und im besten Falle einer Minderheit Vorteile auf Kosten der Mehrheit bringen können.

Man pflegt die Eingriffe als soziale oder sozialpolitische Maßnahmen zu bezeichnen.
Ihrer Wirkung nach müsste man sie antisozial nennen.

Denn sie können sich nie zu einem sinnvollen Ganzen formen. Sie bauen die Gesellschaft nicht auf; sie nehmen der gesellschaftlichen Zusammenarbeit den Sinn. Das Ziel der Kooperation ist Behebung von Unbefriedigt sein; kein Eingriff aber vermag die Erreichung dieses Ziels zu fördern. Er verschlechtert die Bedürfnisbefriedigung entweder für alle oder zumindest für die große Mehrheit

Wenn man die Betrachtung auf die unmittelbaren Wirkungen einzelner Eingriffe beschränkt, vermag man freilich weder ihre weiteren mittelbaren Wirkungen noch die Folgen der interventionistischen Politik als Ganzes zu erkennen. Doch wer sozial denkt, d.h. die Dinge mit dem Blick auf das gesellschaftliche Gefüge und auf die Ziele, die die Menschen ihrem Handeln setzen, betrachtet, muss zum Urteil gelangen, dass der Interventionismus das, was er anstrebt, nicht erreichen kann, dass er vom Standpunkte derer, die ihn empfehlen, und derer, die die Eingriffe setzen, zweckwidrig ist.

Staatseingriffe und die unvermeidliche Kettenreaktion – Gewünschte Verbesserung vs. tatsächliche Wirkung

Der Regierung kommt zu Ohren, dass sich die Leute beschweren, weil der Milchpreis gestiegen ist. Milch ist sicherlich sehr wichtig, besonders für heranwachsende Kinder. Deshalb setzt sie einen Höchstpreis für Milch fest, einen Höchstpreis der niedriger ist als der potentielle Marktpreis. Dann sagt die Regierung: „Jetzt haben wir bestimmt alles getan, damit arme Eltern soviel Milch kaufen können, wie sie brauchen, um ihre Kinder zu ernähren.“

Was geschieht aber nun? Einerseits steigt durch den niedrigen Milchpreis die Nachfrage nach Milch. Leute, die sich Milch zum höheren Preis nicht leisten konnten, können es jetzt zu dem niedrigeren, von der Regierung festgesetzten Preis. Andererseits haben einige Produzenten Verluste, nämlich jene, die mit den höchsten Kosten produzieren, d.h. die Grenzproduzenten, denn der Preis, den die Regierung festgesetzt hat, bringt weniger, als ihre Kosten ausmachen. Das ist ein sehr wichtiger Punkt in der Marktwirtschaft.

Der private Unternehmer, der private Produzent, kann nicht lange mit Verlusten arbeiten. Deshalb schränkt er die Milchproduktion für den Markt ein. Vielleicht verkauft er seine Kühe als Schlachtvieh oder er verkauft stattdessen Milchprodukte, wie Rahm, Butter oder Käse.

Das Ergebnis dieses staatlichen Eingriffs in den Milchpreis ist, dass weniger Milch als zuvor angeboten wird und gleichzeitig die Nachfrage steigt. Es können nicht mehr alle Leute, die bereit sind, den von der Regierung festgesetzten Preis zu zahlen, Milch kaufen. Besonders ängstliche Menschen werden versuchen, als erste in den Geschäften zu sein. Sie müssen nun vor den Geschäften anstehen; lange Warteschlangen vor den Geschäften sind eine bekannte Erscheinung in solchen Städten, in denen die Regierung Höchstpreise für die Waren, die sie für wichtig hält, festgesetzt hat. Das war immer so, wenn der Milchpreis kontrolliert wurde, und das wurde von den Wirtschaftswissenschaftlern auch immer so vorausgesagt. Natürlich nur von den vernünftigen Nationalökonomen, und deren Zahl ist nicht sehr groß. Was ist aber schließlich das Ergebnis dieser staatlichen Preiskontrolle? Die Regierung ist enttäuscht. Sie wollte die Zufriedenheit der Milchtrinker vergrößern. Aber in Wirklichkeit sind diese jetzt unzufriedener als zuvor. Bevor die Regierung sich einmischte, war die Milch teuer, aber man konnte sie kaufen. Jetzt ist mehr genug Milch verfügbar, der Gesamtkonsum an Milch geht zurück. Die Kinder bekommen weniger Milch, nicht mehr.

Die nächste Maßnahme, zu der die Regierung greifen wird, ist die Rationierung. Aber Rationierung bedeutet, dass bestimmte Menschen privilegiert sind und Milch bekommen, während andere leer ausgehen. Wer Milch bekommt und wer nicht, das wird immer sehr willkürlich entschieden. Es kann z.B. angeordnet werden, dass Kinder unter vier Jahren Milch bekommen sollen und dass Kinder, die älter als vier oder zwischen vier und sechs Jahren sind, nur die halbe Ration bekommen sollen. Wie immer die Regierung auch entscheidet, die Tatsache bleibt bestehen, dass die verfügbare Milchmenge geringer sein wird. Deshalb sind die Menschen unzufriedener als zuvor. Fragt nun die Regierung die Milchproduzenten (weil sie nicht genug Phantasie hat, es selbst herauszufinden), warum sie nicht dieselbe Milchmenge wie zuvor liefern, bekommen sie zur Antwort: „Das können wir nicht. Denn die Produktionskosten sind höher als der von der Regierung festgesetzte Höchstpreis.“ Wenn dann die Regierung die Produktionskosten im Einzelnen überprüft, wird sie feststellen, dass das Futter ein wichtiger Posten ist.

„Oh“, sagt die Regierung jetzt, „das ist sehr einfach. Wir werden die gleiche Kontrolle, die wir bei Milch angewandt haben, nun auch auf Futter anwenden und einen Höchstpreis für Futtermittel festsetzen. Sie könne dann ihre Kühe billiger füttern und werden weniger Aufwendungen haben. Dann kommt alles in Ordnung. Sie werden mehr Milch produzieren und mehr Milch verkaufen können.“

Was geschieht aber nun? Die gleiche Geschichte wiederholt sich mit dem Futter, natürlich aus denselben Gründen. Die Futterproduktion sinkt und die Regierung steht vor dem gleichen Problem. Sie sorgt nun dafür, dass neue Anhörungen stattfinden, um herauszufinden, wo es bei der Futterproduktion hapert. Und die Futterproduzenten geben ihr genau die gleiche Erklärung wie die Milchproduzenten. So muss die Regierung noch einen Schritt weiter gehen, denn sie will ja das Prinzip der Preiskontrolle nicht aufgeben. Sie setzt jetzt einen Höchstpreis für die Materialien fest, die zur Futterproduktion notwendig sind. Und wieder geschieht dasselbe.

Die Regierung geht nun dazu über, nicht nur Milch, sondern auch Eier, Fleisch und anderer zum Lebensunterhalt notwendige Güter zu kontrollieren. Und jedes Mal erzielt sie dasselbe Ergebnis mit den gleichen Folgen. Sobald sie einen Höchstpreis für Konsumgüter festgesetzt hat, muss sie einen Schritt weiter zurückgehen und auch ein Preislimit für die Produktionsgüter festsetzen, die man zur Produktion der preisgebundenen Konsumgüter braucht. Und so greift sie, nachdem sie mit einigen wenigen Preiskontrollen angefangen hat, immer tiefer in den Produktionsprozeß ein und setzt Höchstpreise für alle möglichen Produktionsgüter fest, natürlich auch den Preis für Arbeit, denn ohne Lohnkontrolle bliebe die staatliche „Preiskontrolle“ wirkungslos.

Hinzu kommt noch, dass der Staat Eingriffe in das Marktgeschehen nicht auf jene Güter beschränken kann, die er für lebensnotwendig hält, wie Milch, Butter, Eier und Fleisch. Er muss sie zwangsläufig auch auf Luxusgüter ausdehnen; denn wenn er deren Preis nicht auch festsetzt, würden Arbeit und Kapital aus der Produktion der lebensnotwendigen Güter in jene Produktionsbereiche abwandern, die der Staat als unnötigen Luxus betrachtet. So zieht – es ist wichtig, sich das klar zu machen – die begrenzte Einmischung in die Preisbildung bei einigen wenigen Konsumgütern zwangsläufig weitere Folgen nach sich, die noch weit weniger zufriedenstellend sind als es die Zustände zuvor waren. Bevor der Staat sich einmischte, waren Milch und Eier zwar teuer, aber nach der staatlichen Einmischung begannen sie vom Markt zu verschwinden.

Die Regierung hielt diese Bereiche für so wichtig, dass sie sich einmischte. Sie wollte das Angebot vergrößern und die Versorgung verbessern. Doch sie erreichte das Gegenteil.
Die punktuellen Eingriffe führten zu einem Zustand, der vom Standpunkt der Regierung aus noch viel unerwünschter war als die früheren Verhältnisse, die sie hatte verändern wollen. Und da die Regierung, nachdem sie einmal mit Preiskontrollen begonnen hat, gezwungen ist, weiter und weiter zu gehen, wird sie schließlich an einem Punkt anlangen, wo alle Preise, alle Löhne, alle Zinsen, kurzum alles im Wirtschaftssystem vom Staat bestimmt wird.

Quellen:

  • Ludwig von Mises – Nationalökonomie (1940)
    Die “Nationalökonomie” ist das Hauptwerk von Ludwig von Mises, in welchem er ausgehend von der Behandlung der philosophischen und methodologischen Grundlagen der Volkswirtschaftslehre die verschiedenen Aspekte der Marktwirtschaft und, darauf aufbauend, die Folgen interventionistischer Eingriffe bis hin zum totalen Sozialismus erörtert.
  • Ludwig von Mises – Vom Wert der besseren Ideen
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s